Mittwoch, 17. Februar 2010

Weinrally # 30 - Naturweine

Der Blog Social Wine lädt zur 30. Weinrally ein. Diesmal zum Thema Naturweine. Für mich natürlich ein gefundenes Saufen ...

Vielliecht noch kurz als Einstieg: Naturwein ist für mich nicht gleich Biowein. Ein Biowein ist nach den Regeln der BioSuisse (oder einer anderen Bio zertifizierenden Organisation) hergestellter Wein. Diese Regeln erlauben oder verbieten synthetische Insektizide und Fungizide, je nach Menge, und chemische Düngemittel im Rebberg, erlauben oder verbieten, je nach Menge, Hilfsstoffe in der Kellerei. Sozusagen ein grünes Deckmäntelchen, für das der Produzent auch noch zahlen muss.

Das ist die eine Seite, die andere ist, dass biologische Weine das Bewusstsein bei den Konsumenten für natürliche Weine erhöht haben, dass der, zum Teil schwierige, Schritt für einen Produzenten, biologisch zu produzieren, ein richtiger und wichtiger Schritt in die richtige Richtung ist. Für mich ist natürlich (oder bio), wie bereits an anderer Stelle erwähnt, nicht eine Frage von Gesundheit, sondern vielmehr des Respekts gegenüber der Natur, dem Produzenten (und dessen Gesundheit) und dem Menschen allgemein, denn die natürliche Produktion verlangt einen höheren Einsatz an menschlicher Arbeit. Einen ganz spannenden Ansatz findet man auch hier.

Am besten find ich deshalb Naturweine. Eine tolle Definition dafür findet man hier. Weine aus Trauben, Sonne, Regen, frischer Luft und sonst nichts. Wobei das natürlich auch nicht ganz stimmt. Auch der natürlichste Winzer kommt manchmal nicht umhin, Kupfer zu spritzen. Ausser er verfügt über so ein dickes finanzielles Polster dass er es sich durchaus leisten kann, mal zwei, drei Jahre nichts zu produzieren oder fast nichts. Dazu müsste sein Wein immens teuer sein ... Und auch der natürlichste Winzer kennt Mittel und Methoden, seine Reben zu schützen und zu stärken, sei's mit Aromatherapie und Homöopathie (wie z.b. Jacques Beaufort, der "extremste" Winzer den ich kenne) oder durch das besessene "Un"-kraut ausreissen von Jean-François Deu von der Domaine du Traginer. Was bei ihm absolut notwendig ist, um das Überleben der Reben zu sichern ist bei anderen, mit anderen, weniger extremen klimatischen Bedingungen, verpönt. Dort sollen die Unkräuter den Boden mit wichtigen Substanzen anreichern und dem Saft, der von den Wurzeln in die Trauben steigt, ein spezielles Aroma geben.
Auch im Keller ist ein Naturwein leider nur ganz selten wirklich reiner, vergorener Traubensaft. Wenn auch alle Naturweine auf natürlicher Hefe vergoren sind so schaffen es doch nur ganz wenige Winzer, dem Wein kein Sulfat beizufügen.

Man könnte an dieser Stelle noch stundenlang über den Naturwein und seine Vorzüge schreiben. Aber kommen wir doch lieber zur Degustation. Die Qual der Wahl! Ich entscheide mich für den VV 2004 von Jacqueline Bolli aus der Toscana. Schliesslich hat mit ihr die ganze boccafino-Geschichte angefangen ...

VV steht für Vieille vigne, damit werden in Frankreich die Weine bezeichnet, die aus von alten Rebstöcken produziert werden und immer besonders gut sind. Die Rebstöcke die die Trauben für den VV liefern sind 78 Jahre alt.
Jacqueline Bolli steht für eine zierliche Engländerin, die das Ferienhaus ihres Vaters eigentlich verkaufen wollte, sich aber so in dieses Gegend verliebt hat, dass sie es zu einem international renommierten Weingut ausgebaut hat.
Die Toscana steht für Sangiovesetrauben. Sie steht auch, und in erster Linie, für den Chianti.
Der VV 2004 wird auf dem Gut Montecalvi in Greve in Chianti angebaut. Jacqueline Bolli produziert pro Rebstock eine Flasche Wein, ein Qualitätsanspruch, den sich nur ganz wenige, kleine Güter leisten können. Das Resultat sind keine internationale Geschmacksbomben sondern authentische Naturweine mit dem typischen Ausdruck ihrer Traubensorte und der ganzen Kraft ihres Terroirs.


Farbe: Dunkles Purpur
Nase: Würziges Bouquet, unterlegt von einem weichen Lakritzeduft, getrocknete Pflaumen, reife Brombeeren
Gaumen: Kräftige Gaumenaromatik, Kakao und schwarzer Holunder, leicht spürbare Tannine, elegantes Finale.

Kommentare:

Iris hat gesagt…

Schön, einen neuen Blog zu entdecken, dem Naturwein offensichtlich auch kein Fremdwort ist:-).

Mir kommt zwar die Ertragsmenge etwas hoch vor, (mehr als ein Kilo Trauben pro Stock braucht man, um eine Flasche zu erzeugen...), aber vielleicht hat die Winzerin ja besonders fruchtbare Böden - allerdings sind solche Erträge gerade bei "alten Reben" doch eher selten - die zeichnen sich ja eigentlich dadurch aus, dass sie zwar konzebtrierte, aber eben geringere Ertragsmengen hervorbringen.

Irgendwie passen nach meiner Erfahrung diese 3 Argumente (naturnaher Anbau, alte Revben, hoher Ertrag) nicht so ganz zusammen.

Bei konventionellen Winzern ist das Gegenargument - schon für die Umstellung auf einfachen Bioanbau meist, dass das die Ertragsmengen zu sehr reduziert...

Vielleicht schreibst du dazu noch mal was?

Sven Ahlborn hat gesagt…

liebe iris,

danke für deine kritische lektüre. als winzerin weisst du natürlich, was sache ist. es ist richtig, dass die alten reben weniger produzieren. im fall der sangiovese-reben haben sie sogar so wenig triebe im frühling, dass fast darauf verzichtet werden kann, triebe rauszuschneiden. der ertrag pro rebstock ist im fall des vv unter einem kilo. die parzelle ist relativ eng bepflanzt, mehr als 6'000 reben pro hektar.

was die flasche wein pro rebstock betrifft, ist das auf den ganzen betrieb gerechnet. die rebfläche beträgt 3,5ha und jacqueline produziert jährlich rund 10'000 flaschen.

falls du noch mehr details wünschst, sende ich sie dir gerne per mail.

excellente soirée à toi.

Sven Ahlborn hat gesagt…

Grâce à toi, j'ai découvert le site de l'association des vins naturels. Merci beaucoup!

Juppi hat gesagt…

schöner beitrag, aber bei 3,5ha und einem ertrag von 10000 flaschen/jahr müsste die durchschnittliche pflanzdichte bei 3000 Stock/ha liegen. bischen sehr wenig, auch für italien :-)auch ein durchschnittsertrag von 2100 liter/ha ist wirklich seeeeeeeeeeeeeeeeehr wenig. da schaffen selbst die trockensten gegenden in südfrankreich noch mehr:-) aber schluss mit den zahlenspielen. hauptsache der wein schmeckt

Matthias hat gesagt…

Noch ein Blog, das ich bis jetzt nicht kannte. Wird gleich in den Feedreader aufgenommen! Vielen Dank für deinen Beitrag!

Sven Ahlborn hat gesagt…

hallo juppi,

der wein schmeckt fantastisch, was in dieser preisklasse auch nicht anders sein darf ...
zu deinen zahlenspielereien: ich hatte jacqueline mal gebeten, mir eine kurze zusammenfassung zu ihrem weingut zu senden. folgendes habe ich erhalten:

Montecalvi is a small wine estate in the heart of Chianti, specifically in the hilly area of Greve in Chianti, 20 km south of Florence. The Bolli family bought the Montecalvi estate in 1988. Since the 1991 harvest there has been a steady growth which has reached a qualitative standard in recent years that would be difficult to match anywhere.

It should be remembered that Montecalvi has achieved the goal of producing a bottle of wine for each vinestock, a goal in world oenology which only small entities like Montecalvi can allow themselves.

The south-westerly facing estate covers 10 hectares of which 3,5 hectares are vineyards. There are four small vineyards on hillsides at an altitude of around 300m above sea level, on land derived from sandstone.

The three wines produced by the estate are Montecalvi Chianti Classico, which on really good vintages is 100% Sangiovese, Montecalvi VV (Vieille Vigne) a wine made mainly with old vine Sangiovese from the 1930’s. The third wine is San Piero, a Cabernet Sauvignon based wine with small percentages of Merlot, Syrah and Alicante Bouschet.

The first vineyard is cultivated on terraces and was planted in 1932 with a density of 6,000 plants per hectare, and is mostly Sangiovese with a few plants of Cannaiolo and Cabernet Sauvignon. The second vineyard was planted in 1992 with the new Rauscedo R23 Sangiovese clone and very small percentages of Cabernet Sauvignon, Merlot and Syrah, at a density of 6,300 plants per hectare. The third vineyard was planted in 2001 with mainly Cabernet Sauvignon at a density of 7400 plants per hectare. The last half hectare was planted in 2007 with Sangiovese to increase the Chianti Classico production. All the vines are trained with the guyot pruning method with a charge of 6 buds per vine.

The cultivation techniques are aimed at obtaining grapes with a great concentration and maturation. Green pruning is performed systematically in order to obtain a final production of less than 1 kg for each grapestock.

The harvest is completed in two or three days and the bunches are laid down in 15 kg boxes which are taken straight away to the cellar were they are left over night to cool down before they are crushed.

The grapes ferment in small 10 hl to 30 hl (792 gal.) on their native yeasts. During this time regular pumping overs will be carried out and a few days into the alcoholic fermentation a technique called the Delestage is carried out regularly on each tank. These cellar techniques encourage the extraction of colour, aromas and polyphenols from the grapes.

The Chianti Classico carries out the malolactic fermentation in 500 lt. French oak barrels and subsequently left to age for a total of 6 months. The VV and San Piero are placed in barriques and 300 lt. French oak barrels where the wine matures for 8 to 12 months before being bottled.

Sven Ahlborn hat gesagt…

und dann noch ihre notizen zum vv:

Montecalvi VV 2004
(Vieille Vigne)


The VV was one of the tanks of wine which formed part of the original Montecalvi wine. When we harvested the grapes we were always aware of the fact that one particular tank, which we used to call ‘Le Terrazze’ (the terraces) was the best, but producing just the one wine we were obliged to blend it in with the rest. Since we started to produce Chianti Classico in 2004 we decided not to make our Montecalvi wine anymore, but to bottle the one ‘Terrazze’ tank on its own to make a cru which we have named VV, short for Vieille Vigne. We decide to use the term Vieille Vigne in French because in France the old vineyard is the best one.

The VV will be produced only in the best vintages.

The grapes for the VV come from an old vineyard planted in 1932 on dry-stone walled terraces with a South-Eastern to South-Western exposure. The vines are mainly (95%) Sangiovese, with the remaining part being Cabernet Sauvignon vines which my father planted more than 15 years ago to fill in the spaces where the old plants had died. Since the beginning the old vine Sangiovese and the Cabernet Sauvignon was harvested and fermented together.
This vineyard was planted before the war therefore it is very dense: more than 6000 plants per hectare. Since they did not yet have modern agricultural machines at this time the rows were planted just wide enough for a man and his ox to fit in. This old vineyard is not pretty to look at, the plants are twisted and crooked just like an old man, but they have an incredible capacity to manage each season according to the weather pattern presented to them . The vines produce a reduced amount of buds in the spring so we find that we rarely need to do a green pruning on this vineyard. Not being overloaded with fruit, these vines suffer less from heat stress and have less difficulty ripening their load on difficult years.

During the fermentation this wine is left alone, with no addition of yeasts or enzymes. It ferments calmly on its native yeasts. The malolactic fermentation is carried out in 300 litre tonneaux and the wine ages in wood for around 8-12 months.


The VV offers the rare opportunity of drinking an authentic Tuscan Sangiovese from another era, yet helped by the sophisticated wine making techniques of today and vinified in a clean cellar.

It is not an international wine but a refined and complex example of what can be obtained from Sangiovese if it is correctly managed in the vineyard and then it is allowed to be left alone.